Helvetische BDSM-Stammtische

Es gibt hin und wieder Zeiten in denen sich auch Einzelgängerinnen wie ich, wieder einmal an einen Stammtisch von Gleichgesinnten begeben. So geschehen in dieser Woche in der ich sogar gleich zwei dieser geselligen BDSM-Runden besucht.

In der Schweiz ist in den letzten Jahren ein starkes Wachstum bei den BDSM-Stammtischen zu beobachten. Dass es aber Städte gibt in denen gleich zwei solche Veranstaltungen regelmässig abgehalten werden, überrascht doch etwas. Doch der Verwunderung nicht genug, bietet auch die Stadt Winterthur, die gerade mal so knapp als Grossstadt gezählt werden darf, diese Vielfalt mit dem Fesselnd.ch Treff und dem Torthur-Stammtisch an. Eine solch aktive SM-Szene würde man doch eigentlich viel eher im multi-kulturellen und weltgewandten Zürich vermuten.

Die Internet-Community fesselnd.ch traf sich am Mittwoch ab 19.00 Uhr zum gemütlichen Zusammensein in einer urigen “Beiz” (schweizerisch für Kneipe), von denen es ja immer weniger gibt. Die Runde hat ein freundliches Lokal mit einem sympathischen Wirt gefunden, dessen Lokal die meisten Vorlieben des harten Kerns der Teilnehmerinnen und Teilnehmer erfüllt. Galt es doch all die diversen Wünsche wie, gut erreichbar (ÖV/PW usw.), szenefreundliche Offenheit, eine lecker-traditionelle Speisekarte und günstige Preise zu vereinen.

An diesem Abend erschienen 17 Personen (Voranmeldung wird erwünscht), meist Pärchen sowie vereinzelt männliche und weibliche Singles. Den Altersbereich würde ich als eher jung umschreiben (mehrheitlich so zwischen 20-40). Wie genau die diversen BDSM-Vorlieben verteilt sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Denn diese sind nicht direkt erkennbar und auch nicht ständig Teil der Gespräche. Die Gesprächsthemen drehen sich nicht ausschliesslich um das Thema SM und Fesseln wie man annehmen könnte, sondern vielmehr um allerlei Alltägliches.

Da sich viele der Anwesenden schon von unzähligen Treffen, sowie aus dem gemeinsamen Online-Forum und aus dem Chat kennen, geht es sehr freundschaftlich und ungezwungen zu und her. Neuzugänger werden herzlich willkommen geheissen und in die Runde aufgenommen ohne dass gleich allzu viel von ihnen erwartet wird. An diesem Abend ist kein Stammtischbesucher und keine -besucherin explizit im Fetisch-Outfit erschienen. Im Gegenteil soweit ich es wahrgenommen habe, ist die Norm eher normale Alltagskleidung.

Der Fesselnd-Stammtisch ist ein junger, lustiger und sehr aktiver Treffpunkt, an dem man bei regelmässigen Erscheinen und aktiver Teilnahme im Forum schnell gleichgesinnte Freunde finden kann. Als Partnerbörse ist er allerdings, wie die meisten Stammtische, nur sehr beschränkt geeignet. Auch als Spielgelegenheit sind diese Treffen eher ungeeignet. Man wird also keine entzückten Blicke ernten, wenn man in voller Montur und mit seinem Subbie an der Leine erscheint.

Der Torthur-Stammtisch fand am Freitag ebenfalls ab 19.00 Uhr statt und unterscheidet sich in einigen Details von fesselnd.ch. Ein offensichtlicher Unterschied ist die Internet-Präsenz, die sich auf eine einfache Website beschränkt. Diese ist allerdings gut eingebunden in die IG-BDSM-Community, dem grössten Deutschschweizer BDSM-Verein und gleichzeitig auch grösstes BDSM-Forum in der Schweiz. Die regelmässigen Besucherinnen und Besucher stehen sich hier anscheinend nicht ganz so nahe und auch das Durchschnittsalter ist etwas höher (ab 40+). Diejenigen die sich hier schon besser kennen, haben sich anscheinend eher an Play-und Fetischparties oder sonstigen Treffen kennen gelernt als über Online-Foren oder Chaträume.

Das Lokal ist eine lustige Mischung aus Truck-Stop, südländischem Charme und freundlicher Bar. Die Crew ist auch hier sehr angenehm und BDSM-freundlich eingestellt. Sie serviert alles was es für das einfache, kulinarische Wohl an einem solchen Abend braucht. Während meiner Anwesenheit war ein gutes Dutzend Stammtischbesucher da, die meisten davon Paare sowie einige Single-Männer. Soweit ich die Verteilung von Tops und Bottoms feststellen konnte, waren die Konstellationen wohl mehrheitlich Master mit ihren Sklavinnen.

Neben den alltäglichen Gesprächsthemen wurde hier etwas mehr über BDSM und Fetisch gesprochen. So zum Beispiel über selbst hergestellte SM-Toys, neue Clubs oder den Ausbau des eigenen Dungeons. An diesem Treffpunkt wird der oder die Neuzugänger/in vom Stammtischleiter sehr freundlich und sympathisch begrüsst und in die Runde aufgenommen. Beim Torthur-Stammtisch ist vereinzelt an der Kleidung ablesbar, dass es sich hier um eine spezielle Gruppe handeln muss, denn Fetischkleidung ist hier eher verbreitet und akzeptiert, aber auch Toys oder gar kleine Spielchen sind hier kein Problem, wenn die Aktivität nicht ausartet und andere Gäste zu stören beginnt.

Eine Besonderheit wird hin und wieder bei genügender Besucherzahl und auf Wunsch geboten. Da das Lokal mit einem Videobeamer und grosser Leinwand ausgestattet ist, werden am späteren Abend manchmal noch einige BDSM-Kurzfilme gezeigt. Diese sind zum Teil sogar über meinem Blog entdeckt und ins Programm aufgenommen worden. Der Torthur-Stammtisch ist ein unterhaltsamer und geselliger SM-Treffpunkt. Wem es hier gefällt und wer deshalb regelmässig erscheint kann hier  durchaus neue BDSM-Freunde gewinnen. Wer hingegen darauf hofft an einem Stammtisch ein passendes Pendent zu finden den muss ich leider eher enttäuschen. In Sachen Partnersuche dürften die Chancen auch hier eher klein sein. Es ist sicher die grosse Ausnahme an diesen Treffs eine Partnerin oder einen Partner zu finden. Am ehesten klappt dies noch in Kombination mit den Foren und Chat-Räumen. Dies, obwohl ich während meines ganzen Besuches heftig von einem Master (!) mit eigener Peitschenproduktion angeflirtet wurde. Welch grossartige Aussichten ;-)

Dies sind gerade mal zwei von über einem Dutzend BDSM-Stammtischen in der deutschsprachigen Schweiz. Immer mal wieder verschwindet einer und wird später wieder belebt oder neu gegründet. Im grossen Ganzen zeigt sich dabei immer wider, dass die private BDSM-Szene in der Schweiz ziemlich aktiv ist. Dabei unterscheiden sich alle Stammtische etwas voneinander und auch ihre Aktivitäten und der Zusammenhalt sind zum Teil recht unterschiedlich. Wer ohne grossen finanziellen Aufwand einen einfachen und offenen Zugang zum Thema BDSM, Fetisch und zu freundlichen, gleichgesinnten Menschen sucht, der ist mit dem regelmässigen Besuch eines BDSM-Stammtisches in seiner Nähe sicher gut beraten. Dort kann man sich auch problemlos einmal einen guten Ratschlag oder Hinweis bei Unsicherheiten oder bei einem Problem im Zusammenhang mit den angesprochenen Themen holen.

Was die französisch- und italienischsprachige BDSM-Schweiz angeht, kann ich leider (noch) nichts berichten. Im französischen Teil der Schweiz ist in den letzten paar Jahren auch einiges entstanden und es ist eine recht aktive, junge Partyszene am Werk. Ich werde zu einem spätere Zeitpunkt detaillierter darüber berichten.

Stammtischgrüsse
Domenique

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