BDSM-Aufklärung und SM-Mainstream
Auf den diversen BDSM-Plauder-Websiten lese ich immer wieder über den “Kampf gegen die immer noch bestehende Ächtung und Vorverurteilung von BDSM-Genossinnen und Genossen”. Wie dringend notwendig es doch sei, die BDSM-Aufklärung der Gesellschaft weiter voran zu treiben, so dass endlich alle auf unserem hübschen Planeten wissen, akzeptieren, ja sogar freudig einstimmen in den Chor “Ja, sie wollen doch nur spielen”.
Nun ja, diese Notwendigkeit will ich hier ja nicht grundsätzlich in Abrede stellen oder gar ins Lächerliche ziehen. Denn auch ich bin hin und wieder dafür eingestanden (Dok-Film am TV, Interviews, Theaterauftritte usw.), habe Aufklärung betrieben und werde dies auch weiterhin tun.
Aber kennst Du das nicht auch, wenn etwas heimliches, lieb gewordenes, das den Nimbus des leicht Anrüchigen oder Verbotenen hat, ans Licht der Öffentlichkeit gebracht und plötzlich allgemein gutgeheissen wird. Wie dieses Geheimnis dann unweigerlich viel von seinem magischen Reiz verliert und so vielleicht sogar Dein Interesse geschmälert wird?
Mir geht es auf jeden Fall so. Einerseits möchte ich als Individuum in meiner Gesamtheit von meinem näheren Umfeld und von der Gesellschaft akzeptiert werden und anderseits liebe ich das kribbelnde, geile Gefühl, wenn ich unter meinem langen Regenmantel in glänzendes Latex gekleidet aus dem Haus schleiche. In der einen latexbehandschuhten Hand den Koffer voller erotischer “Quäl”- Utensilien und in der anderen Hand das eine Ende der Leine an der mein sexy Sklave festgebunden ist.
Oder wenn ich in erotisches Leder gekleidet mit meinem schwarzen Sklaventransporter irgendwo in einem düsteren, verlassenen Industriegebiet eine geheime SM-Location suche, während mein Sklave im Käfig hinten schon ganz ungeduldig mit den Ketten rasselt. So beginnt doch schon mal das “böse” Vorspiel.
Verglichen damit ist das folgende, zum Glück fiktive, Szenario doch wirklich echt pervers: In meinem sündigen Lederoutfit, mit hohen Stiefeln und meinem Sklaven an der Leine fahre ich, politisch total korrekt, mit der Strassenbahn ins nahe gelegene Gemeindezentrum zur SM-Party der katholisch-muslimischen BDSM-Freundschaftsgruppe Zürich-West. Dort werden in der grossen Allzweckhalle bei pseudo-schummrigem Deckenlicht gruppendynamisch die Seile geknüpft und die Peitschen geschwungen. Zwischendurch bestellt frau sich in der hauseigenen Gemeindeküche ein, nach Halal-Regeln zubereitetes Menü. Und beim nach Hause gehen durch den neonhell erleuchteten Flur gäbe es noch Flyer zu den nächsten Veranstaltungen im Gemeindezentrum: Esoterischer Peitschenknüpf-Workshop, Shibari-Bondagekurs am Kreuz und sicheres Fesseln mit nicht-allergischem Eisen neben dem Liederabend für Senioren, dem weihnachtlichen Kerzenziehen und dem erotischen Kuchenbackkurs für allein erziehende Mütter.
Ich weiss ja nicht wie das für Dich klingt? Aber bei mir löst nur schon diese Vorstellung ansatzweise Frostbeulen aus und ich verspüre ein leichtes Zucken mein SM-Equipment umgehend auf Ebay zu veräussern.
Für mich lag immer auch ein wichtiger Teil des Reizes von Fetischismus und BDSM darin, etwas zu tun was heimlich, im Verborgenen und nicht so leicht Zugänglichen lag. Etwas sexuell Verruchtes zu tun, das jenseits der Mainstream-Trampelpfade der Gesellschaft liegt, löst bei mir eine erotische Magie des sexuellen Abenteuers aus. Dieses kribbelnde Gefühl und die Erinnerung an ein bizarres Erlebnis führt dazu, dass bei mir noch Tage danach, besonders in den alltäglichsten Situationen, ein sinnliches Lächeln über mein Gesicht huscht. Ein weiterer schöner Bonus bei diesem Lächeln liegt darin, dass es niemand wirklich deuten kann. Es kann sich auch niemand nur im geringsten die dunklen und erotischen Ursachen die dahinter stecken ausmalen. Es gehört ganz alleine mir und es streichelt meine erotisierte Seele. Ja vielleicht auch noch die meines Sklaven. Ich hoffe doch, es möge ihm nur schon ansatzweise ähnlich ergehen.
Ich denke wir werden mit diesem Zwiespalt immer mehr leben müssen. Einerseits hat sich in den letzten Jahren im allgemeinen Wissen über die Anhänger von BDSM und Fetischismus doch sehr viel positives getan. Unter dem weitreichenden Begriff sadomasochistischer Sexualität haben sich in der Gesellschaft die unterschiedlichsten Treffpunkte und Gruppen einen Platz geschaffen. Wer heute diese Neigung in sich spürt muss darüber nicht mehr im Unklaren bleiben und sich ausgestossen fühlen. Sie oder er können gefahrlos reinschnuppern, finden Ansprechpartner, Gleichgesinnte und Spiel- oder Lebenspartner in der weit über unseren Planten vernetzten BDSM-Community.
Ich für mich hoffe dennoch, dass es die besonderen, bizarren, verruchten, verborgenen und exklusiven (im wirklichen Sinne des Wortes) Events und Locations trotzdem weiterhin geben wird.
Geheimnisvoll verruchte Grüsse
Domenique
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26. November 2009 um 11:34
Diese Hoffnung teile ich voll und ganz.
und ach wie schön ist es doch, wenn niemand weiss …
Ich denke optimal bewirkt gute Aufklärungsarbeit mehr Toleranz und schwächt negative Folgen von Diskrimierungen (Zwangsouting, Druck etc.) ab indem sie einfach “must have” Basics informiert.
Aber auch mir wäre es eine unangenehme Vorstellung, wenn es Mainstream und zuviel Einblick gewährt würde …
Denn auch bei mir macht das Verruchte, magische, verbotene einen grossen Teil des Herzklopfens aus
“Je schwerer die Frucht zu erreichen bist, desto süsser schmeckt sie” – das gilt, finde ich, auch für Locations …
Vielen Dank für Anregung und liebe Grüsse
consensual
26. November 2009 um 16:58
Guten Tag,
BDSM ist schon seit längerer Zeit “Mainstream”.Die Szene wird größer,
transparenter ,doch darunter leidet natürlich die “Exklusivität”.
Dazu kommen noch die üblichen “Geschäftemacher”,die vorschreiben wollen,was gerade “in” ist:z.b. wird Latex gnadenloß überschätzt-
bei den tätowierten,gepiercten,mit Silikon getunten Modellen von Marquis
sieht es, je nach Veranlagung noch ansehnlich aus,was ist aber,wenn Frau keine Modelmaße hat?
gruß chinansky
27. November 2009 um 0:29
Für mich macht das Geheime, Verruchte auch einen Teil des Reizes aus!
27. November 2009 um 0:55
Vollkommene Zustimmung, SM-Praktiken benötigen den Anstrich des Unmoralischen oder Verruchten, um geil zu sein. Aber: Sexualität, und damit auch die Vorliebe für SM, ist nicht unabhängig von kulturellem Wandel. Da ich fest davon überzeugt bin, dass der zentrale Reiz von SM darin liegt, ein möglichst *amoralisches* Machtspiel zu zelebrieren, bin ich mir ganz sicher, dass sich die (sub)kulturellen SM-Praktiken in dem Maße verändern werden, mit der sich die gesellschaftliche Toleranzgrenze verschiebt.
Als Indiz für diese Kulturentwicklung kann auf den bisherigen Wandel von SM verwiesen werden: Galten seinerzeit Englische Erziehung oder Bondage als verruchte bzw. amoralische Sex-Praktiken, so ist mit dem Einzug von Handschellen und Saunapeitschen in die Mainstream-Ehebetten eine Ausdifferenzierung dessen, was man unter SM verstehen mag einhergegangen, die getrost als Kulturentwicklung bezeichnet werden kann: Neue, erniedrigendere Praktiken werden innerhalb der Subkultur gesucht und gefunden, damit die, die das Kribbeln des Verruchten brauchen, wieder etwas wirklich bewegendes erleben. Ich bin der festen Überzeugung, dass mich ein sanftes Bondage und ein paar sanfte Schläge heute noch kicken würde, wenn diese Praktiken nicht so derart Mainstream wären, als dass diese Spielarten heute mit nahezu JEDEM Sexualpartner diskutierbar (und mit jedem zweiten erlebbar) wären. Ergo suche ich heute nach deutlich “krasseren” Erfahrungen im Bereich der SM-Erotik.
Anders herum betrachtet bedeutet das aber auch, dass es im Grunde egal ist, wie viel Toleranz die Gesamtgesellschaft für die heutigen SM-Praktiken entwickeln wird. Wir werden etwas Neues finden, was dann einige Jahre oder Jahrzehnte noch zu krass sein wird, als dass es mehrheitlich akzeptabel wäre. Kulturentwicklung (und damit auch die Entwicklung macht-erotischer Rituale) endet niemals.
27. November 2009 um 12:28
Ich finde Aufklärungsarbeit wie es z.B. die Homosexuellen über Jahre gemacht haben, wichtig und sinnvoll. Jedoch gibt zwischen SM und Homosexualität einen wichtigen Unterschied. Ein Paar kann SM privat praktizieren und i.G. zu Homosexuellen ganz normal gegen aussen leben. Ich bin nicht daran interessiert welche Art von Sexualität meine Arbeitskollegen, Verwandte, Bekannte, etc. ausüben und umgekehrt muss es mein Umfeld auch nicht wissen. Ich habe keinen Leidensdruck mich zu Outen. Und deshalb finde ich, dass SM im Verborgenen stattfinden sollte. Man muss nicht alles öffentlich machen und zur Schau stellen und für mich bleibt vieles immer noch verrucht was evtl. für einen 20-jährigen nichts Spezielles ist.
Auf der anderen Seite finde ich es wichtig, dass man kommuniziert, dass SM und “normale Gewalt” nichts miteinander zu tun haben (was oftmals vermischt wird) und SM viel mit Vertrauen, Hingabe, etc. zu tun hat. Und dies ist sicherlich für junge Menschen, die diese Neigung haben, wichtig. Für uns “ältere”, die im Leben angekommen sind und zwischen 35-55 sind, spielt dies keine grosse Rolle mehr.
Ich denke sowieso, dass sich die Szene noch mehr aufteilen wird. Wie Mode, Musik (z.B. Rock, Punk, etc.), etc. wird es im SM viele Untergruppen geben. Die Unterschiede sind zu gross, auch aufgrund einer unterschiedlichen Sozialisation. Grosse Fetischparties sprechen uns z.B. nicht gross an, jedoch finden wir die bestehenden Stammtische auch nicht ideal. Ich denke, dass man sich halt privat selber etwas aufbauen muss. Insbesondere wenn man nicht in Berlin, Wien, Hamburg, etc. lebt, wo es eine grössere SM-Gemeinde mit unterschiedlichen “Untergruppen” bereits gibt. Man mietet mal ein Studio, macht SM-Ferien, kommuniziert über verschiedene Internetplatformen, etc.Der Nachteil von Zürich ist natürlich, dass man hier nicht genügend Raum hat – in anderen Städten gibt es sicherlich mehr günstigen Wohn- oder Gewerberaum um etwas aufzubauen.
27. November 2009 um 14:00
Ob nun vieles einfacher werden würde, wenn BDSM nun Mainstream wäre?
Das wage ich zu bezweifeln, dennoch ist es mir ebenso ein Anliegen, das diese Spielart der Sexualität und diverse Ausrichtungen keinerlei schiefe Blicke mehr ernten sollten, zumindest nur das wachsame Auge der sagen wir Moral und Ethik dessen was man der öffentlichen Gesellschaft zumuten möchte. Dieses jedoch ist Sache eines jeden Einzelnen und so könnte die Achtsamkeit eines jeden selbst dazu führen, das die Akzeptanz unserer Lebens- und Spielweise gefördert würde.
Einen guten Teil dessen leistet dieser Blog hier und andere Communities in der Schweiz, die sich um die Themenbereiche kümmern.
Letztens aber geniesse ich ebenso den Kick dabei, es könnte doch noch etwas anrüchig sein, wenn ich meiner Sklavin / Sub die Korsage eng schnüre und sie in hochhackigen Stilettos mit nehme an eine eben jener Partys die dem Mainstream (noch) nicht gefolgt sind
28. November 2009 um 11:42
Ich wage zu bezweifeln,das es jemals eine Akzeptanz in der Gesellschaft geben wird,denn das Gesellschaftsmodell das in Europa angestrebt wird,
läuft konträr zu dem für was BDSM-trotz aller Verzweigungen-steht.
Die Nebelkerze:”im beiderseitigen Einvernehmnis”,kann nicht darüber hinwegtäuschen,das Gewalt und Schmerz von der Mehrzahl der Bevölkerung abgelehnt wird.Pseudo Hedonistisches Balzgehabe auf den sogenannten Playpartys,erinnert mich sehr stark an Karneval in Düsseldorf-ob nun Pappnase oder edle Demaskmaske;die Gruppendynamik läuft letzendlich immer auf das eine hinaus!Beim letzten CSD in Ffm konnte man ja das Häuflein der BDSM,ler bestaunen,diese edlen Geschöpfe der Demonstrationskultur;dabei war es mehr eine Werbeveranstaltung der GO ,die mit einem Motivwagen durch die Straßenschluchten von Mainhattan ihre Flyer verteilte.Es war wie immer:die Notgeilen applaudierten-der Rest zuckte nur mit den Schultern oder schüttelte den Kopf.@Dragonrope falls Sie mal einen neuen “Kick” suchen,fahren Sie S-Bahn spätabends nach Frankfurt-Bonames,da werden Sie geholfen.
gruß chinansky
4. Dezember 2009 um 11:06
Ich denke, das ist nur eines der scheinbaren Pradoxien des SM. Ich selbst mag absolut diese spannenden, “verbotenen” Heimlichkeiten. Das macht einen grossen Teil des eigentlichen Reizes aus.
Ist dies eine Freude an der als “elitär” empfundenen Neigung, die mich etwas schweben lässt ? Oder ist es wirklich nur der “Reiz des Verbotenen” ?
Auf Parties der Szene sieht man dann oft die andere Seite der Medaille: Exhibitionismus. Viele zeigen gern sehr freizügig Neigung, Nacktheit, Praktiken …das sieht man doch auch in der Schwulen und Lesben-Szene.
Vielleicht sind das alles Erscheinungsformen einer etwas anderen sexuellen Entwicklung, die man als Angehöriger einer “Randgruppe” durchläuft.
Davon einmal abgesehen hätte ich absolut nichts dagegen, wenn sich “Femdom” sozusagen etablieren würde. – Wenn ich als submissiver Mann also absolut keine Probleme hätte, eine dominante Partnerin zu finden, ..wenn das zudem noch gesellschaftlich nicht tabuisiert wäre. Nun, bei Letzteren bin ich mir selbst nicht so ganz sicher. Es wäre aber ein Traum, wenn sich suchende, dominante Frauen und suchende, submissive Männer in gleicher Zahl gegenüberstünden.
Ich habe einmal gelesen, als Sub hätte ich immerhin noch die Chance, mit der Zeit die “schlafende Domina” in meiner Partnerin zu wecken. Dieser Schlaf scheint bei Einigen wirklich sehr tief zu sein.
6. Dezember 2009 um 10:40
Sicherlich macht man sich Gedanken darüber, dass das kleine süsse “verbotene” Geheimnis seinen Reiz verlieren könnte, wenn es keines mehr wäre. Wenn es wie hier beschrieben zum Mainstream werden würde. Doch denke ich, dass es jeder selber an der Hand hat, wie weit er diesen Reiz ausschöpfen will.
Je mehr ich von der SM-Szene sehe, je mehr meine Phantasien zur Realität werden, desto öfters stellen sich auch für mich diese Fragen. Allerdings komme ich aus einem Land (Polen), in dem SM nicht nur den Touch des Anrüchigen hat, sondern von der Gesellschaft streng verboten wird. So erübrigt sich die Frage für mich, ob mein Interesse geschmälert werden könnte, wenn SM zu öffentlich werden würde. Denn viel weniger wird mein Interesse an SM gefördert, wenn man als gestört oder krank von anderen Menschen verurteilt wird, hinter dem Rücken Getratsche und Verachtung als wär man ein Schwerverbrecher.
Falls SM schon Mainstream ist oder es bald werden sollte, dann bevorzuge ich diese Entwicklung ganz klar der Tabuisierung. So hat man immer noch viel mehr Möglichkeiten seine eigene erotische SM Welt in Ruhe aufrecht zu erhalten und die Chance seine Phantasien mit Gleichgesinnten zu erleben und gemeinsam zu leben.
8. Dezember 2009 um 8:53
Nun über den Punkt ob und wie viel Öffentlichkeitsarbeit zu Mainstream beiträgt lässt sich in der Tat Diskutieren. Aber über den Punkt bin ich schon lange heraus insbesondere dann wenn im Namen eines Vereins in einem einschlägigen Sex Anzeiger SAZ 10/09 Seite 30 und auf dem Titelblatt für den Verein mit grossen Lettern für diesen und BDSM Reklame gemacht wird. Wir sind darauf und daran nicht nur Mainstream zu werden sondern auf dem Weg dem bald auch noch dem Milieu zugeordnet zu werden. Was man da an neue Mitglieder anzieht stelle ich auch gleich mal in Frage…. Mir wäre Qualität anstelle Quantität allemal lieber. Besonders störend ist dass dies alles im Namen der BDSMler getan wird deren Führung – Mitglieder noch nicht einmal eine Ahnung ob solchen Artikeln hat geschweige dann deren Mitglieder!
8. Dezember 2009 um 23:00
@zofedaniel
Es wurde gar nichts “getan”. Die SAZ hat den Artikel von 20min frei übernommen, der Verein wurde dazu vorher gar nicht angefragt oder informiert.