The Chauffeur
Vorführblock: Donnerstag, 27. September, 17:45 Uhr
The Chauffeur
Kurzfilm (USA/2012) by Maud Ferrari

Mit dem Eröffnungsfilm des diesjährigen Fetisch Film Festivals hat der Programmleiter Andy einmal mehr eine Trouvaille und ein kommendes Talent aufgespürt und präsentiert. Maude Ferrari (nein, kein Künstlername sondern italienische Vorfahren), ist eine junge französische Drehbuchautorin und Regisseurin, die nach dem Studium am «Conservatoire européen d’écriture audiovisuelle» nach Los Angeles gezogen ist und dort 2012 ein Regie-Studium an der «UCLA Extension» mit Auszeichnung abgeschlossen hat. «The Chauffeur» ist ihr Abschlussfilm an dieser Filmhochschule in Los Angeles wo sie heute lebt und arbeitet.
Entsprechend authentisch wirken die Szenen des Films, der von der jungen Französin Audrey handelt, die nach Los Angeles gezogen ist und dort eine Karriere beim Film oder Theater machen möchte. Ihr Tag beginnt schlecht als sie den Bus verpasst, der sie zu einem Casting hätte bringen sollen. In ihrer Verzweiflung steigt sie in eine schwarze Limousine mit Chauffeur ein, die in der Nähe steht und auf Aufträge wartet. Sie nennt die Adresse und der junge Fahrer fährt los, als sie realisiert, dass sie kein Geld dabei hat. Doch als sie ihm dies eröffnet meint er nur das sei kein Problem, gibt ihr seine Karte und offeriert ihr, sie könne ihn jederzeit anrufen.
Juliette mit der sie zusammen wohnt, flippt beinahe aus als sie die Geschichte hört und sich schon sieht, wie sie im Leichenschauhaus die Überreste ihrer Freundin identifizieren muss. Doch Audrey, von Raphaella Debest, die die verführerisch unschuldige kleine Französin überzeugend verkörpert, denkt in ihrer schwierigen Lage ohne Job pragmatisch. Und so sitzt sie schon kurz darauf wieder in der Limousine auf dem Weg zu einem Casting. Als sie dem Fahrer Tony erklärt, dass sie ihn sich eigentlich gar nicht leisten und ihn nicht bezahlen könne, meint dieser nur «Kein Problem, ich tue das nicht für Geld» und kommt dann ohne Umschweife gleich zum Kern seines (An-)Triebs «Ich möchte dass Sie mein Boss sind, dass sie mich anrufen und mich erniedrigen, keinen sexuellen Kontakt, …». Audrey ist sichtlich schockiert und verwirrt als ihr klar wird, dass er das tatsächlich ernst meint. Und doch lässt sie sich am Abend noch einmal chauffieren. Er macht ihr Komplimente über ihre schönen Beine und Füsse und bittet sie an seinem Kopf abzustreifen. Zögerlich lässt sie sich darauf ein und ist völlig verwirrt als sie realisiert, welchen Effekt den diese Handlung auf ihn hat. Total verwirrt und halb angewidert steigt sie aus worauf er sich vor ihr auf die Knie wirft und sie bittet ihn für seine Unverschämtheit zu ohrfeigen. Doch sie lässt ihn einfach zurück und stapft ins Haus. Einmal mehr gibts Diskussionen und Streit mit Juliette. Doch da Tony ja weder zudringlich noch respektlos ist, lässt sie sich ein weiters mal von ihm fahren.
Dass es in der Filmszene von Los Angeles auch sehr anders zu und her gehen kann wird klar, als sich Audry in einer Audition vor einer Kamera auf Anweisung einer männlichen Stimme aus dem Off splitternackt ausziehen soll. Bei der Unterwäsche angekommen zieht sie schliesslich die Reissleine und flüchtet, unter übelsten Beschimpfungen durch die Stimme aus dem Lautsprecher, zurück auf den Rücksitz die Limousine, die wie immer vor der Türe wartet. Total verwirrt, frustriert und wütend über den versuchten sexuellen Übergriff befiehlt sie Tony sofort los zu fahren. Zu Hause angekommen heisst sie ihn barsch auszusteigen und sich vor sie hin zu knien um ihn dann heftig zu ohrfeigen und damit ihrer hilflosen Wut ein Ventil zu geben. «Morgen um acht Uhr bist du pünktlich wieder hier» blafft sie ihn an und stampft davon. «Yes boss!» ruft er ihr, mit einem Lächeln auf den Lippen, hinterher und kann sein Glück ganz offensichtlich noch kaum fassen.
Sie aber glaubt ihn damit jetzt endgültig verloren zu haben und erklärt ihrer Freundin, dass sie nicht damit rechnet ihn nach dieser Szene jemals wieder zu sehen. Doch zu ihrer Überraschung sitzt sie schon am nächsten Tag wieder in seinem Wagen auf dem Weg zu einem Casting. Tony hat Morgenluft gewittert und als sie im Stau stehen öffnet er das Handschuhfach und offeriert ihr eine Reitgerte. «Du willst wirklich, dass ich dich damit schlage wie ein Pferd?» fragt sie ihn ungläubig und beginnt ihn dann zu beschimpfen. Als kurz darauf das Casting telefonisch abgesagt wird, offeriert er ihr, er könne auch in anderer Weise zu Diensten sein. Was das sein könnte, zeigt die nächste Szene in der er nackt ihr Wohnzimmer staubsaugt und sie zum ersten Mal anerkennend seinen sportlichen Körper zur Kenntnis nimmt. Schliesslich fordert sie ihn auf mit ihr zu schlafen. Doch er verweigert sich ihr einfach «Nein!» – «Was soll das heissen Nein?» fragt sie ungläubig. «Mich erregt es dominiert zu werden» erklärt er und lässt sich von ihr auch auf mehrfache Aufforderung und Befehlen nicht davon abbringen.
So entfaltet sich die Geschichte Episode um Episode weiter und Audrey und Tony spielen Stück um Stück das ganze Repertoire sado-masochistischer Fantasien, immer wieder kontrastiert mit der knallharten Realität der Filmstadt Los Angeles, in spielerischer und zunehmend vertrauter werdenden Art und Weise durch. Maude Ferrari gelingt mit diesem Kurzfilm das Kunststück, weit ab von üblichen Klischees wie Peitschen, Halsbändern und schwarzem Leder den Beginn einer liebevollen wenn auch ungewöhnlichen Beziehung zu zeigen. Für Audrey ist das eine Achterbahn durch die Gefühle, für Tony wohl die Erfüllung eines lange gehegten Traums, und für Zuschauerinnen und Zuschauer eine glaubhafte und nachvollziehbare Einführung in eine Welt ungewöhnlicher Fantasien und Begierden. Dabei werden ganz nebenbei einige der Fragen gestreift die rund um dieses Thema immer wieder diskutiert werden: Wer ist denn hier eigentlich «der Boss» und wer verführt wen, ist ein devoter Mann am Ende der Traum oder der Albtraum einer Frau. Oder auch die Frage ob der Missbrauch von Macht wie er in alltäglichen Strukturen immer wieder vorkommt, denn nicht ein viel grösseres Problem ist, als wenn ein Paar sich einvernehmlich für eine etwas ungewöhnliche Rollenverteilung in seiner Beziehung entscheidet.
Es überrascht nicht, dass der Film vom recht zahlreich anwesenden Publikum spontan mit Applaus bedacht wurde. Auffälligerweise haben sich in der anschliessenden Diskussion zunächst ausschliesslich Frauen geäussert und verschiedene Qualitäten des Films gelobt: «immer wieder überraschender Verlauf», «kein Standard-SM sondern echte Menschen, wie es sein soll», «überzeugende Charaktere, gut gespielt», «sympathischer Film», «technisch gut gemacht» «für jeden gibt es die erste Berührung mit dem Thema SM», «schön gemacht», «realistisch, könnte so sein».
Dem ist, auch oder gerade als submissiver Mann, nichts mehr hinzuzufügen.
PS: (naja, am Ende haben die Subbies dann oft doch noch das letzte Wort, aber dafür gibts ja Knebel, lechtz) Wir dürfen uns freuen, Maude Ferrari arbeitet offenbar zur Zeit an einem abendfüllenden Spielfilm, einer schwarzen Komödie mit dem Titel «Lady Diamond».
Regie: Maud Ferrari
Kamera: Skye Borgman
Dauer: 23 Min./englisch
| Erotik | subtile, breit gefächerte Femdom-Storie ohne Lack & Leder |
| Handlung | feinfüllige Einführung einer jungen Frau in eine Femdom-Beziehung |
| Technik | professionelle Produktion |
| Bildsprache | klassisch – ohne grosse Überraschungen |
| Tiefgang | berührende Darstellung einer BDSM-Beziehung in der Realität des Alltags, jenseits von Dungeons |
| Seltenheitswert | über die Regisseurin |
| Gesamtwertung | ★★★★☆ |
zwischen den Kinositzen kniend grüsst
sm@
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